Wie bei Stihl üblich ist die Fertigungstiefe auch im Werk in Weinsheim groß. Die Pulverbeschichtung der gegossenen Magnesium-Teile erfolgt vor Ort. (Quelle: Rolf Ademes (Stihl))

Handel & Hersteller 2025-04-08T07:08:20.022Z Ein Werk macht (Ein)Druck

Portrait Am 9. Juli 2022 feierte Stihl zusammen mit der Belegschaft in Weinsheim den 50ten Geburtstag seiner dortigen Magnesium-Druckguss-Fertigung. Firmenintern bescheiden als Werk 4 ausgelobt, ist der Standort in der Eifel ein echter Hidden Champion mit viel Potenzial, auch über die Eigenfertigung hinaus. Motorist durfte sich davon bereits im März bei einem Besuch vor Ort überzeugen.

Das Datum für die Jubiläumsfeier stimmte streng genommen nicht ganz: Bereits 1971 gegründet, hätte das Stihl Magnesium-Druckguss-Werk in Weinsheim eigentlich bereits im vergangenen Jahr für seinen runden Geburtstag gefeiert werden müssen. Dies fiel jedoch Corona-Einschränkungen und dem Hochwasser, das auch in der Eifel spürbar war, zum Opfer. Dem Renommee des Standorts tut dies jedoch keinen Abbruch. Auch in Jahr 51 seines Bestehens hat sich das Stihl-Werk Nummer 4, wie der Standort Weinsheim firmenintern verbucht wird, mehr als erfolgreich in seiner Nische etabliert und weit über die Grenzen der Waiblinger Unternehmensgruppe hinaus Bedeutung erlangt. Mit einem Output von zuletzt 40 Millionen Gussteilen im Jahr 2021, 8.000 Tonnen vergossener Tonnage und einer Schmelzkapazität von 4.000 Tonnen im Haus gehört Weinsheim nicht nur zu den führenden Fertigungsstätten für Magnesium-Druckguss in Europa, wenn nicht sogar weltweit, sondern fertigt längst auch über den eigenen Bedarf hinaus. Ursprünglich hatte Stihl das Werk gegründet, um sich im Bereich Magnesium-Druckguss von Lieferanten unabhängig zu machen und die Qualität und Verfügbarkeit der Teile, die man schon damals verbaute, in eigener Regie sicherzustellen. Seit rund 40 Jahren wird in dem kleinen Eifelort aber auch für externe Kunden gearbeitet. Aktuell entfällt etwa ein Drittel der Produktion auf den so genannten Kundenguss. Abnehmer sind u.a. die Medizin- und Elektrotechnik sowie die Kfz-, Motorrad- und zunehmend die E-Bike-Industrie,

Echtes Alleinstellungsmerkmal

Für Hartmut Fischer, der das Stihl Werk in Weinsheim seit sieben Jahren leitet und davor lange in der unternehmensinternen Forschung und Entwicklung tätig war, ist jedoch nicht nur dies Anlass zum Stolz. Auch die technische Ausstattung des Standorts ist bemerkenswert. Demnach verfügt das Stihl Magnesium-Druckguss-Werk über 28 Druckgusszellen. 27 davon arbeiten im so genannten Warmkammerverfahren, das sich besonders für kleinere Teile bis maximal 2 bis 3 Kilogramm eignet, eine im Kaltkammerverfahren. Der Unterschied zwischen beiden Verfahren besteht darin, dass das zu verarbeitende Metall bei der Kaltkammer-Methode vor der Einfuhr in die Maschine in einem separaten Ofen vorgeschmolzen und anschließend in die Form gegossen bzw. gepresst wird. Beim Warmkammerprozess befindet sich die Gießkammer direkt im Schmelzbad des Warmhalteofens. Gut geeignet ist der Kaltkammerdruckguss zum Beispiel zur Herstellung von Motorblöcken und Getriebegehäusen oder auch zur Verarbeitung von Speziallegierungen. Eine weitere wichtige Größe beim Druckguss ist die Schließkraft der Maschinen. Je größer diese ist, mit umso mehr Druck kann die Maschine vereinfacht dargestellt befüllt oder, wie es in der Fachsprache heißt, beschossen werden. Dies äußert sich wiederum im Output. Das Druckgussverfahren an sich ist eine effiziente Methode zur Massenfertigung von äußerst präzisen und gleichmäßigen Leichtmetallteilen mit einer hohen Oberflächengüte. Auch besonders dünnwandige und damit leichte Formen können so hergestellt werden, zumal wenn sie aus Magnesium sind, denn Magnesium ist zirka ein Drittel leichter als Aluminium. Bei Stihl in Weinsheim reicht die Bandbreite in der Schließkraft der Druckgussmaschinen von 3.000 bis 10.000 kN, was durchaus beachtlich ist. Insgesamt ermöglicht dies nicht nur eine Vielzahl von Druckguss-Optionen, sondern auch eine sehr effiziente Fertigung.

Komplexe Fertigung

Dazu werden alle Produktionsprozesse in Weinsheim inhouse erledigt und optimiert, auch die Vorbereitung und Nachbearbeitung der Gussteile. Das Werk verfügt über eine Gleitschleifanlage, 4 Strahlanlagen, 5 Entfettungs- und Reinigungsanlagen, zwei Pulverbeschichtungsanlagen mit variabler Farbgebung und 44 Bearbeitungscenter sowie manuelle und vollautomatische Montagelinien. Das zahlt ein auf die Fertigungstiefe, die wie auch sonst bei Stihl hoch ist. Dazu kommt viel Know-how. Etwa im eigenen Werkzeugbau. Zirka 90 Prozent der Druckgussformen werden hier gefertigt, ebenso spezielle Fräser und Bohrer, die man in der Nachbearbeitung der Guss-Stücke benötigt, ebenso Bearbeitungsvorrichtungen und Prüfmittel. Auch die Konfektionierung der Druckguss-Maschinen nimmt Stihl auf Basis der Grundmaschinen selbst vor.

Äußerst effizient

Wie wichtig die Magnesium-Druckguss-Fertigung für Stihl ist, zeigen auch die Investitionen von zuletzt 16 Mio. Euro, die 2021 in Weinsheim getätigt wurden, etwa um die Kapazität beim Guss von E-Bike-Komponenten zu steigern. Auch zum Ortstermin von Motorist im März wurde gerade eine neue Maschine aufgebaut, die für besonders hohe Stückzahlen ausgelegt ist und gleich mehrere Kolbengehäuse gleichzeitig gießen kann. Effizienz spielt im Stihl Werk 4 jedoch auch in anderer Hinsicht eine Rolle. Längst schon etabliert ist dort eine eigene Rückschmelze, denn Magnesium ist zu 100 Prozent recyclefähig. Vor vier Jahren wurde die Entlüftung im Werk neu organisiert, ebenso die Wärmerückgewinnung, die den Zuheizbedarf im Werk deutlich senkt. Seit 2021 ist Stihl Weinsheim Co2 neutral. Vor zweieinhalb Jahren wurde ein neues Logistikzentrum am Standort eingeweiht. Auch künftig wäre Wachstum möglich. Das 114.150 qm große Gelände mit einer zulässigen Bebauung von 91.320 qm, von denen 35.500 qm derzeit genutzt sind, ließe dies jedenfalls zu. Werksleiter Hartmut Fischer würde es freuen: „Unser Anspruch hier in Weinsheim ist es, gute und besondere Teile in bester Qualität zum besten Preis zu fertigen“, sagt er. Die Nachfrage ist gegeben, auch im eigenen Haus, wo man zuletzt mit der 2020 vorgestellten Stihl MS 400 C-M als der weltweit ersten Motorsäge mit Magnesiumkolben ein Zeichen in Sachen Leichtigkeit gesetzt hat.

Werksleiter Hartmut Fischer (rechts) leitet den Standort seit 7 Jahren und hat jedes Detail im Blick. Lange war der amtierende Präsident des Verbandes Deutscher Druckgießereien selbst in der Forschung und Entwicklung tätig. (Quelle: Rolf Ademes (Stihl))
Auch bei der Konfektionierung der hochkomplexen Druckguss-Maschinen setzt Stihl auf Kompetenz im eigenen Haus. (Quelle: Rolf Ademes (Stihl))
Auch als Sprühnebel macht das Stihl-Orange Eindruck. Tatsächlich kann die Farbbelegung der Pulverbeschichtungsmaschinen jedoch variiert werden. (Quelle: Rolf Ademes (Stihl))
zuletzt editiert am 08. April 2025
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