Stihl-Chef Dr. Bertram Kandziora in der Produktion des Unternehmens. Quelle: Stihl
Führte durch seine letzte Pressekonferenz: Stihl-Vorstand Dr. Bertram Kandziora verabschiedet sich Anfang Februar in den Ruhestand. Quelle: Stihl

Handel & Hersteller

15. September 2021 | Teilen auf:

Aufgestellt für die Transformation

Bilanz Die Stihl Unternehmensgruppe setzt ihr Wachstum fort. Trotz Lieferengpässen wurde bis August 2021 mehr verkauft als im Vorjahreszeitraum. Bei ungebrochen hoher Nachfrage gelten die Bemühungen weiterhin dem Aufarbeiten von Rückständen. Doch auch technologisch geht man voran.

„Wir befinden uns inmitten einer Transformation, stellen uns hierfür aber zukunftsfähig auf“, resümierte Dr. Bertram Kandziora, Vorstandsvorsitzender der Stihl Unternehmensgruppe, anlässlich der virtuellen Pressekonferenz zum Internationalen Stihl Medientag 2021 am 15. September. Was erstere ausmacht, spiegelte sich auch in der anschließenden Fragerunde. Immer wieder fielen Stichworte wie Akku, technologische Innovation, smarte und vernetzte Produkte, situationsbedingt im zweiten Jahr der Corona-Pandemie aber auch die für den Fachhandel ebenso wichtigen Fragen nach Verfügbarkeiten, Rohstoffversorgung, Kapazitäten, Logistik und Preisen. Die zentralen Botschaften lassen hoffen. Demnach sieht Stihl sich auf gutem Weg, die Lieferrückstände, die sich über alle Kategorien hinweg auf etwa 1,5 bis 1,6 Millionen Motoreinheiten belaufen, im Laufe des ersten Quartals 2022 aufgearbeitet zu haben. Auch die internen Lagerbestände sollen zur kommenden Jahresmitte aufgefüllt sein, um dann wieder Spontanlieferungen tätigen zu können. Und auch neuerliche Kostensteigerungen wie zuletzt im Zuge der gestiegenen Frachtkosten, die Stihl zum Teil an seine Kunden weitergab, soll es absehbar nicht geben.

Deutliches Umsatzplus

Obwohl Rohstoffknappheit, fehlende Produktionskapazitäten bei Lieferanten und Stihl sowie begrenzte Transportkapazitäten in den ersten acht Monaten des Jahres insgesamt zu erheblichen Störungen in den Lieferketten geführt haben, konnten die Waiblinger in dieser Zeit mehr Produkte produzieren und verkaufen als im Vorjahreszeitraum. Insgesamt hat die Stihl Unternehmensgruppe bis August 2021 3,51 Milliarden Euro umgesetzt. Das entspricht einem Wachstum von 11,7 Prozent. Wechselkursbereinigt beträgt das Umsatzplus sogar 15,4 Prozent.

Akku punktet

„Wir liegen bei Absatz und Umsatz aller Produktgruppen deutlich über den Vorjahreswerten und über Plan“, erklärte Kandziora. So konnte Stihl auf allen Kontinenten zulegen, ebenso in allen Kundengruppen, wobei Privatanwender gut die Hälfte der Klientel ausmachen. Demnach wurden im deutschen Markt, der zirka 10 Prozent am Gesamtumsatz von Stihl ausmacht, etwa 330 Millionen Euro erwirtschaftet, bis Jahresende sollen es rund 490 Millionen sein. Beliebte Produkte waren unter anderem der Mähroboter Stihl iMOW, der Akku-Gehölzschneider Stihl GTA 26, Benzin-Motorsägen und Benzin-Freischneider für Hobbyanwender sowie die neuen Akku-Produkte für Profis, die im ersten Halbjahr 2021 eingeführt wurden, wie der Akku-Heckenschneider HLA 135 und die Akku-Motorsense FSA 135.

Anhaltend große Nachfrage

Der vergleichsweise gute Absatz glückte nicht zuletzt, weil Stihl in vielen Werken Sonderschichten gefahren hat. Auch derzeit läuft die Produktion auf Hochtouren, Sonntagsarbeit eingeschlossen, und man erzielt laut eigener Aussage Rekordwerte in Produktion, Logistik und Vertrieb, obwohl die Versorgungsengpässe bei Rohstoffen und Bauteilen wie Stahl, Kunststoffgranulat und Elektronikkomponenten nach wie vor bestehen. Auch die Nachfrage nach Stihl-Produkten sei weiterhin groß, nicht nur im Bereich Akku. Auch bei Produkten mit Benzin- und Elektroantrieb verzeichnet Stihl derzeit ein Absatzwachstum im zweistelligen Prozentbereich. „Die Entwicklung zeigt: Stihl ist nach wie vor stark im Benzin-Segment, entwickelt sich aber zunehmend auch zu einem starken Player im Akku-Markt“, so Kandziora.

Neuheiten

Allein zehn Neuheiten wurden in diesem Segment vorgestellt, darunter mit der MSA 300 die erste Akkubetriebene Stihl-Profisäge, die zugleich die weltweit stärkste in diesem Segment ist (Mehr zu den Neuheiten von Stihl lesen Sie in der Rubrik Produkte & Maschinen). Doch auch Konnektivität und Digitalisierung spielen im Stihl-Portfolio eine zunehmend große Rolle. Dies ist auch der Grund, warum das Waiblinger Familienunternehmen auf der Suche nach entsprechenden Talenten ist. Insgesamt waren zum 31. August 2021 weltweit 19.523 Beschäftigte in der Stihl Gruppe tätig, 7,3 Prozent mehr als Ende 2020. Im Stammhaus, der Andreas Stihl AG & Co. KG, die von Januar bis August 2021 einen Umsatz von 1,03 Milliarden Euro erzielte und damit 15,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, stieg die Zahl der Mitarbeiter seit Ende Dezember um 8 Prozent auf 5.684. Rund 100 Stellen sind dort derzeit jedoch noch zu besetzen, ein Großteil davon in Forschung und Entwicklung. Gesucht werden vor allem Spezialisten in den Bereichen Akku, Elektronik, Digitalisierung, Softwareentwicklung, Robotik, Internet of Things (IoT) und E-Commerce.

Investition in Zukunftstechnologien

Doch nicht nur im Akkusegment wird investiert. Auch die Weiterentwicklung der Benzinmotoren, bleibt zentraler Bestandteil der Stihl Strategie. Mehr als 90 Prozent der Motorsägen, die Stihl weltweit verkauft, entfallen auf dieses Segment und auch weiterhin dürfte der Bereich dominieren, wenngleich Stihl-Vertriebsvorsand Norbert Pick davon ausgeht, dass der Anteil der Akkusägen noch deutlich steigen wird. Bis August hat die Kategorie weltweit um 19 Prozent zugelegt. Dieser Trend dürfte sich bis zum Jahresende fortsetzen. Ebenfalls hoch war und bleibt aus Sicht von Kandziora die Nachfrage nach E-Bike-Komponenten, die Stihl im Magnesium-Druckguss-Werk in Weinsheim fertigt.

Offen für Allianzen

Wiederholt kam im Rahmen der Pressekonferenz die Frage nach Akku-Allianzen auf, die für Stihl möglicherweise attraktiv sein könnten. Zwar ist das von Stihl eingesetzte Akkusystem speziell und auch patentiert. Konkretes steht hier demnach nicht an. Doch räumte Anke Kleinschmidt, Vorstand Forschung und Entwicklung bei Stihl, ein, dass man an strategischen Partnerschaften grundsätzlich sehr interessiert sei und hierzu auch immer wieder in Gesprächen.

Handel und Vertrieb

Positive Impulse erhofft sich Stihl durch das am 9. Juli 2021 in Betrieb genommene neue Fertigwarenlager in der Vertriebszentrale in Dieburg. Rund 26 Millionen Euro wurde in den Neubau investiert, der die Logistikeffizienz erhöhen und damit die Weichen für zukünftiges Wachstum im deutschen Markt stellen soll. Auch zum Thema E-Commerce äußerte sich Kandziora. Demnach sei die bisherige Performance des Stihl Onlineshops seit dem Start im Frühjahr 2020 aufgrund der Corona-bedingten Rahmenbedingungen zwar nicht unbedingt repräsentativ. So verzeichnet Stihl hier insgesamt eine gute Entwicklung, die über diesen Kanal gehandelten Mengen seien jedoch überschaubar. Vom Handel würde der Shop jedoch gut angenommen.

Neuer Stihl Dienst Vertrag

Ein Update gab es auch zu der zum Jahresende auslaufenden Stihl-Dienst-Zusatzvereinbarung. Demnach wird es kein Nachfolgemodell geben. Bezüglich der neuen, generellen Stihl-Dienst-Verträge, die zum Jahresende vorliegen sollen, ist Stihl derzeit in der Abstimmung mit dem Fachhandel. Durchblicken ließ Stihl Vertriebsvorsand Norbert Pick lediglich, dass man die Konditionen entsprechend den Anforderungen aus dem Markt, auch mit Blick auf die Erwartungen, die Kunden an Stihl-Verkaufspunkte haben, anpassen werde (Siehe auch Interview).

Neue Stihl-Markenwelt

Einen Push soll die Marke Stihl durch die neue Stihl Markenwelt erfahren. Anfang 2021 soll das Leuchtturm-Projekt im ehemaligen Werk 1 in Waiblingen eröffnen und auf insgesamt drei Ebenen die Unternehmens- und Produktgeschichte erlebbar machen sowie den Besucherinnen und Besuchern eine Wissensplattform zu den Themen Wald und Forst bieten. „Ich bin davon überzeugt, dass das die Bindung an die Marke Stihl stärkt“, so Norbert Pick. Vorstandsvorsitzender Doktor Bertram Kandziora wird dies womöglich nicht mehr im Amt verfolgen. Zum ersten Februar verabschiedet dieser sich in den Ruhestand.