Mann in Akkufertigungshalle
Stihl Vorstandsvorsitzender Dr. Bertram Kandziora in der Stihl Akku-Fertigung in Waiblingen Quelle: Stihl

Handel & Hersteller

27. April 2021 | Teilen auf:

Stihl wächst mit Akku und Auslandsgeschäft

Heute hat Stihl die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vorgelegt. Die gute Nachricht: Die Marke ist weiterhin gefragt. Der Umsatz der Unternehmensgruppe konnte deutlich wachsen, vor allem im Ausland. Der Wermutstropfen: Von Normalität, auch mit Blick auf die Lieferfähigkeit, kann vorerst keine Rede sein.

Stihl blickt insgesamt auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr zurück. Demnach konnte der Umsatz in der gesamten Unternehmensgruppe um 16,5 Prozent auf 4,58 Milliarden Euro gesteigert werden. Erstmals in der Firmengeschichte wurde damit die 400-Millionen-Euro-Umsatzmarke übertroffen. Durch die Bank legten alle Produktgruppen zu, den höchsten prozentualen Zuwachs gab es im Akku-Segment. Weltweit hat dieser Bereich innerhalb der Stihl-Gruppe um 48 Prozent hinzugewonnen, sodass er mittlerweile 17 Prozent am Gesamtabsatz beträgt und das bei steigender Tendenz.

Doch auch bei Benzinern legten die Verkäufe zu. Gemessen an Stückzahlen wurde hier sogar deutlich mehr abgesetzt. Insbesondere in Nordamerika hätte sich die Nachfrage nach Geräten in dem Segment positiv entwickelt, hieß es anlässlich der Bilanzpressekonferenz am 27. April. Auch insgesamt war das internationale Geschäft für Stihl im vergangenen Jahr ein Treiber. 90 Prozent vom Umsatz hat die Unternehmensgruppe 2020 im Ausland generiert.

Stabile Entwicklung

Ohne Währungseinflüsse hätte das Umsatzplus sogar 20,8 Prozent betragen. Positiv auf die Entwicklung in 2020 eingezahlt hat der durch die Corona-Pandemie begünstigte Stay at Home-Trend, der viele Haushalte bewegt hat, in den Garten zu investieren. Das gute Wetter im vergangenen Frühjahr hat die Nachfrage nach Gartengeräten ebenfalls angeregt, auch bei Profi-Anwendern aus Galabau, Forst, Landwirtschaft, Straßenmeistereien und Kommunen, die trotz Einschränkungen während der Pandemie weiterarbeiten konnten. Ebenfalls gut verlief das Geschäftsjahr 2020 für das deutsche Stihl-Stammhaus, die Andreas Stihl AG & Co. KG, die mit 1,38 Milliarden Euro und damit einem Plus von 14,3 Prozent gegenüber 2019 einen Rekordumsatz erzielte.

Liefersituation bleibt schwierig

Nicht hinwegtäuschen kann die gute Entwicklung jedoch über die Herausforderungen, denen sich Stihl auch in diesem Jahr ausgesetzt sieht. Die Tücken der Pandemie und ihrer Nachwirkungen zeigten sich bei der Pressekonferenz nicht nur in einer technischen Panne im Netz des Providers, die den Livestream zeitweise aushebelte. So blieb Stihl dank frühzeitiger und konsequenter Pandemie-Schutzmaßnahmen 2020 zwar personell weitgehend von persönlichen Corona-Schicksalen verschont. Insgesamt wurden in der Gruppe knapp 1.500 Fälle registriert, darunter ein bedauerlicher tödlicher Verlauf in Brasilien. Zu schaffen macht dem Unternehmen jedoch weiterhin die schwierige Liefersituation.

Kritische Bestände

So räumte Stihl Vorstandsvorsitzender Dr. Bertram Kandziora in der Presserunde ein, dass bereits seit Mai 2020 viele Einzelmaßnahmen notwendig sind, um die Lieferfähigkeit wieder in Richtung Normalität zu lenken. Demnach hatte man im vergangenen Jahr noch gehofft, den anfänglichen Rückstand zum Beispiel durch Sonderschichten oder das Anpassen von Montageplänen zu überwinden. Dies hat sich jedoch mit der zweiten Welle der Corona-Pandemie zerschlagen.

Signifikant ist der Engpass laut Kandziora zurzeit insbesondere bei den Fertigwaren, wo die Bestände zum Teil kritisch oder einige Produkte sogar gar nicht mehr vorhanden seien. „Auch wir sind traurig darüber, dass wir nicht in der gewohnten Form liefern können“, bekennt der Stihl-Manager. Er hofft jedoch, dass Stihl spätestens bis Ende des Jahres zu einem normalen Liefermodus zurückfindet sofern nicht neue Hemmnisse ins Haus stehen. So sei man, um den Engpass abzufedern, aktuell für einige kritische Komponenten auf der Suche nach alternativen Lieferanten.

Komplexes Umfeld

Die Lieferengpässe selbst sind auf vielfältige Umstände zurückzuführen, wie der Stihl Vorstand für Produktion und Materialwirtschaft, Martin Schwarz, erklärte. Demnach begründen sich diese zum Teil durch logistische Hemmnisse und unzuverlässige Verkehrswege. So seien die Möglichkeiten für Luftfracht aufgrund verminderter Flüge um 30 Prozent eingebrochen, dazu kämen die Verknappung von Seecontainern, der Wegfall von Schiffsrouten sowie zuletzt der Stau am Suez-Kanal. Doch auch eine anziehende Konjunktur sowie Sondereffekte verschärfen die Verknappung bei Stahl und Kunststoffen. Lediglich bei den Halbleitern hält sich der Mangel hingegen allgemeiner Befürchtungen in Grenzen. Demgegenüber steht eine laut Schwarz „starke Nachfrage sowie sehr positive Auftragseingänge.“  So erfreuten sich 2020 unter anderem der Gehölzschneider Stihl GTA 26 sowie der Akku-Heckenschneider HLA 66 und die Benzin-Motorsäge MS 400 C-M großer Beliebtheit. Auch in dieser Saison wollen die Waiblinger mit Neuheiten punkten. Dazu mehr in einem weiteren Beitrag.

Situation im Fachhandel

Als sehr bedauerlich betitelte Kandziora die Situation für den Fachhandel. Diesen versuche man durch das Angebot alternativer Produkte zu unterstützen. So habe Stihl für Produkte, für die sich offensichtliche Lieferengpässe abzeichnen, die Werbung so gut es ging gestoppt um die Nachfrage nicht weiter anzuheizen und Enttäuschungen vorzubeugen. Dies auch mit Blick auf Privatanwender, die aktuell bereits 60 Prozent der Kunden ausmachen. Zu dem in der Branche kontrovers diskutierten Thema der Verfügbarkeiten nach Vertriebskanälen erklärte Kandziora, dass knappe Produkte, die normalerweise online verfügbar sind, derzeit vorrangig stationär verkauft werden sollen, um den Fachhandel zu unterstützen.

E-Commerce im Ausbau

Der Stihl eigene Online-Shop, der im März 2020 ans Netz ging, ist aus Sicht von Stihl gut angelaufen. Auch weiterhin soll das E-Commerce-Geschäft gestärkt und der Online-Shop sukzessive international ausgeweitet werden. Nach der Einführung in Frankreich im vergangenen Herbst folgen in diesem Jahr Spanien, Portugal, Benelux, Italien, Großbritannien, Neuseeland und Australien. Mehr Effizienz bei der Logistik soll das neue Fertigwarenlager bieten, das im Frühjahr in Betrieb geht. Dennoch sei die volle Verfügbarkeit noch nicht gegeben. Die Entwicklung der vergangenen Monate habe sich auch im ersten Quartal 2021 fortgesetzt. Kunden müssten deshalb teilweise weiterhin auf bestellte Produkte warten.

Transformation im Blick

Investieren will Stihl in diesem Jahr in Bauprojekte wie den Gebäudekomplex mit Stihl Markenwelt, Verwaltungsgebäude und eine Kantine am Stammsitz in Waiblingen, die Aufstockung der Logistik in Waiblingen-Neustadt sowie in Forschung und Entwicklung, IT-Infrastruktur und Fertigungstechnik. Dies auch mit Blick auf die von zunehmender Digitalisierung und Dekarbonisierung getriebene Transformation der Branche. Demnach macht Stihl einen steigenden Wettbewerbsdruck im Akku-Segment mit veränderten Kundenanforderungen sowie neuen Informations- und Vertriebskanälen aus. Ebenso verfolgen will man Klimaziele. Seit Januar ist Stihl in Deutschland klimaneutral, 2022 sollen die weltweiten Produktionsgesellschaften und bis spätestens 2028 die internationalen Vertriebsgesellschaften folgen. Die Kapitalstruktur der Unternehmensgruppe sei mit einer hohen Eigenkapitalquote von 69,6 Prozent nach wie vor sehr solide, heißt es. Investitionen werden weiterhin grundsätzlich aus eigenen liquiden Mitteln finanziert. Nicht thematisiert wurde auf der Pressekonferenz die vor dem Bundeskartellamt anhängige Beschwerde gegen Stihl, in der eine vertriebliche Ausschlussklausel im Mittelpunkt steht.